| Predigt zum Palmsonntag 2020 (in tempore viri coronae) Evangelium: Mt 21,1 -17 (erweitert um die Verse 12-17)
Wir kennen das Evangelium vom Einzug Jesu nach Jerusalem sehr gut. Es wird fast ein liebliches Bild gezeichnet: Jesus auf einem Eselfohlen, auf dem staubigen Erdboden die Gewänder der Menschen und die jubelnde Menge mit den Palmzweigen, die ruft: HOSANNA dem Sohn Davids. Heute habe ich das Evangelium weiter gelesen. Jesus führt sich ganz schön auf im Tempel – er schmeißt die Tische um und wirft Händler aus dem heiligen Ort. Die Erzählung vom Palmsonntag endet also nicht auf einem schönen, großen Platz, sondern kommt erst auf dem Tempelberg zum Ende. Jesus besteigt nicht eine geschmückte Bühne oder einen Thron. Sondern er greift nach einer Peitsche. Am Ende des Einzugs Jesu nach Jerusalem steht nicht der Jubelruf – sondern ein großes und lautes Durcheinander. Auch wir kommen in diesen Tagen durcheinander. Ein sehr ungewohntes Osterfest steht uns bevor – sogar Kanzlerin Merkel hat am Freitag davon gesprochen! Ein kleiner Virus bringt die ganze Welt durcheinander. Im Evangelium erahnen wir die betretene Stille, die herrscht, nachdem Jesus die Tische der Geldwechsler umgestoßen hat, die Tauben wild durch die Luft flogen und die Rinder, die zum Schlachten bestimmt waren, brüllend aus dem heiligen Bereich gelaufen sind.
Jesus tritt in diese Stille ein und heilt. Nehmen wir doch in dieser Woche die vom Staat verordnete Stille und lassen sie füllen mit der Botschaft und der Heilung Jesu!
Zuerst Jubelrufe, dann betretenes Schweigen? Was erzählt die Bibel damit? Zwei Aussagen habe ich gefunden: Erstens: Jesus kommt anders, als es die Menschen erwarten: Zunächst sieht es schon danach aus, dass er kommt, wie es die Menschen gern hätten. Nur so lässt sich die Begeisterung der Masse erklären. Beim Einzug nach Jerusalem erscheint er nicht als der bescheidene Mann, der jede Sensation hasst. Nicht als der, der es verbietet, von den Wundern zu sprechen. Nicht als der, der sich nach der Brotvermehrung versteckt, weil sie ihn zum König machen wollen. Endlich lässt sich Jesus von der Menge feiern, von der Woge der Begeisterung tragen. Aber gerade in dem Moment, in dem diese Woge auf ihrem Höhepunkt ist, zerstört Jesus selbst das alles. Er bringt die Menschenmenge gegen sich auf: er lässt sich nicht feiern, sondern räumt auf. Er geht aufs Ganze. Er nimmt keine Rücksicht mehr. Er vergreift sich am Tempel! Wer sich am Tempel vergreift, bringt das Volk gegen sich auf. Jesus vergreift sich am Tempel, weil Menschen mit Gott einen Handel treiben wollen: „Gott, wenn ich dir das Tier opfere, erwarte ich eine Gegenleistung von Dir!“ Diese Haltung entspricht auch dem Denken des heutigen Zeitgenossen. Diese Haltung treibt Jesus aus. Warum tut Jesus das? Warum kommt er so anders als wir Menschen ihn erwarten? Damit komme ich zur zweiten Aussage, die ich entdeckt habe. Jesus wird als König und Herrscher erwartet, aber er kommt als Prophet: „Das ist der Prophet Jesus von Nazareth in Galiläa!“ (Mt 21,11) Jesus kommt als Prophet Gottes nach Jerusalem. Der Prophet kennt nur eine Leidenschaft: Die Größe Gottes und das Heil der Menschen. Darum redet der Prophet niemandem nach dem Mund. Das unterscheidet ihn vom König. Der König muss um seinen Thron besorgt sein – so wie der Politiker heute um sein Mandat und die Stimmen des Volkes. Wer an der Macht bleiben will, muss die Bedürfnisse der Mehrheit befriedigen. Das braucht der Prophet nicht – es weiß, dass Gott hinter ihm steht. Er ist der ganz freie, kompromisslose Seelsorger der Menschen, niemandem verantwortlich als Gott allein. Deshalb kommt Jesus anders, als wie wir ihn gern hätten oder erwarten – weil es ihm um Gott geht und um uns Menschen. Wir erwarten ihn als König: sozial, lieb, huldvoll in seinem Gehabe. Doch er kommt als Prophet, als der große Seelsorger, unbequem und kompromisslos, wie es allein angemessen ist, wo Gott und das Heil der Menschen auf dem Spiel stehen.
Wir stehen am Beginn der Karwoche. Für viele Gläubige sind es wichtige Tage und Gottesdienste. Doch in diesem Jahr ist alles ganz anders: Das „Hosianna“ rufen bekommt tatsächlich die Bedeutung, die dieses Wort hat: „Hilf doch“ Ja, Jesus kommt – aber anders als wir es bislang gewohnt sind: Die Meisten sind zu Hause – vielleicht in Ruhe, mit einer brennenden Kerze und Palmzweige auf dem Tisch und den Texten, die heute gelesen werden. Und wir rufen doch: HOSANNA! HILF DOCH! Wir sind in Not! Unser Heil steht auf dem Spiel. Wir vertrauen dir. Du bist unser Heil.
Die nächsten acht Tage können entscheidend sein dafür, wie wir unser Leben und Leiden verstehen:
Fürbitten zum Palmsonntag 2020 Zu Jesus Christus rufen wir mit dem Volk von Jerusalem um die Hilfe Gottes: Vorb.: Hosanna dem Sohn Davids! Alle: Hosanna dem Sohn ….
+ Segne alle Brüder und Schwestern, die dich als ihren Propheten und Heiland bekennen und lass sie teilhaben an der Gnade, die ihnen in deinem Sterben und Auferstehen geschenkt ist. Vorb.: Hosanna dem Sohn Davids! Alle: Hosanna dem Sohn ….
+ Wende dich in dieser heiligen Woche all derer zu, die in Gemeinschaft dein Leiden, Sterben und Auferstehen feiern wollten, es ihnen jedoch nicht möglich ist. Vorb.: Hosanna dem Sohn Davids! Alle: Hosanna dem Sohn ….
+ Beschütze die Menschen vor Krankheit und Leiden und stärke ihren Glauben an die Vorsehung Gottes. Vorb.: Hosanna dem Sohn Davids! Alle: Hosanna dem Sohn ….
+ Vereine die Menschen aller Religionen in Israel durch den Glauben an den einen Gott. Vorb.: Hosanna dem Sohn Davids! Alle: Hosanna dem Sohn ….
Himmlischer Vater, im Vertrauen auf Deine Gegenwart rufen wir zu Jesus Christus, deinen Sohn, der uns auf seinem Leidensweg und in seiner Auferstehung zu Dir führt. Dir sei Lob und Dank alle Tage unseres Lebens. Amen. |



